Jiu-Jitsu und neue Blickwinkel
Am Samstag, 18 April, fanden sich 30 Budoka in Düsseldorf zu einem vielversprechend klingenden Lehrgang ein. Unter den Teilnehmenden waren nicht nur sehr unterschiedliche Altersklassen, sondern auch alle möglichen Graduierungen vom Gelbgurt bis zum 5. Dan vertreten. Um selbst den erfahrensten Jiu-Jitsuka einen Blick über den Tellerrand hinaus und neue Denkanstöße zu bieten, hatte die Jiu-Jitsu Gemeinschaft Düsseldorf e.V. neben zwei bereits bekannten Budo-Lehrern auch einen Gastreferenten aus einer anderen Kampfkunst eingeladen. Nach einer kurzen Begrüßung samt Vorstellung der Referenten teilten sich die Teilnehmenden auf zwei Gruppen auf und es ging los, verteilt auf zwei Trainingshallen.
Der Gastreferent Oliver Strehl vom SV Millingen 1928 e.V stellte die chinesische Kampfkunst Xingyiquan vor. Xingyiquan bedeutet „Faust von Körper und Geist“ und wird oftmals auch als der Stil der fünf Elemente bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine traditionelle chinesische Kampfkunst, welche zu den inneren Stilen gezählt wird. Die Legende schreibt die Gründung dieses Stils dem berühmten General Yue Fei im 12. Jahrhundert zu, besser belegt ist hingegen die Theorie, dass Ji Long Feng diesen Stil im 17. Jahrhundert aus dem Speerkampf entwickelt haben soll. Die Techniken des Xingyiquan sind explosiv und gradlinig, trotzdem bleibt der Ausübende dabei entspannt und locker und vermeidet grobe Muskelkraft. Anhand des Prinzips des „fallenden Beins“ versuchte Oliver diese zumindest teilweise verwandte Philosophie den Jiu-Jitsuka näherzubringen – für alle Beteiligten eine echte Herausforderung angesichts der recht kurzen Zeit und der ungewohnten, fremdartigen Bewegungen. Nichtsdestotrotz kam der neue Blickwinkel so gut bei einigen Teilnehmenden an, dass sie freiwillig auf die Pause verzichteten und Oliver baten, seinen Unterricht noch um eine Viertelstunde zu verlängern.
Andreas Humbert (5. Dan Jiu-Jitsu, 5. Dan Karate) widmete seine Trainingseinheit dem Karate. Bei der Gestaltung seines Unterrichts lagen ihm zwei Ziele ganz klar am Herzen: einerseits wollte er die Wichtigkeit und Nützlichkeit der von vielen Jiu-Jitsuka ungerechtfertigt stiefmütterlich behandelten Atemi-waza verdeutlichen, andererseits räumte er mit oberflächlichem Irrglauben auf und demonstrierte, dass Jiu-Jitsu und Karate sich technisch viel näher stehen als die Meisten glauben. Ebenfalls warnte Andreas davor, die Bewegungen zu einseitig als einzelne Techniken zu betrachten. Stattdessen sollten die Bewegungen als vielseitig anwendbare Abläufe betrachtet und genutzt werden. Zur Veranschaulichung zeigte er den Teilnehmenden, wie ein Handkantenblock unterschiedlich in der Selbstverteidigung genutzt werden kann: mal als einfache Blocktechnik, mal als Block mit gleichzeitigem Konterschlag und sogar als Gleichgewichtsbruch für die darauffolgende Wurf- oder Fegetechnik. Mit seiner Lehreinheit eröffnete Andreas vielen Jiu-Jitsuka ganz neue Blickwinkel auf die Atemi-waza und das Karate.
Adam Kraska (7. Dan Jiu-Jitsu, 3. Dan Aikijutsu) setzte den Fokus seiner Jiu-Jitsu-Einheit auf korrekte Bewegungsabläufe, um den anwesenden Jiu-Jitsuka eine Hilfestellung bei ihrer Weiterentwicklung zu geben. Dabei legte er sein Hauptaugenmerk auf Feinheiten, die im alltäglichen Trainingsablauf übersehen werden können, wie z.B. korrekte Handhaltung sowie die Fuß- und Beinarbeit. Insbesondere bei größeren Drehbewegungen besteht ein erhebliches Risiko von hohen, instabilen Rotationen, welche den Budoka destabilisieren und angreifbar machen. Anhand verschiedener Techniken wie dem Shiho-nage oder dem Kote-hineri erarbeitete Adam die korrekten Bewegungen der Füße und Hüften. Auch schnelle aber sichere Schrittbewegungen wurden thematisiert und geübt. Zur Vertiefung der Bewegungsthematik wurden auch Körperdrehungen aus dem Aikijutsu und Aikido geübt und in die Selbstverteidigungstechniken eingefügt. Trotz des an sich vertrauten Themas sah man auch in dieser Einheit viele rauchende Köpfe und viele sehr konzentrierte Gesichter.
Am Ende des Lehrgangs zeigten sich alle Teilnehmenden sichtlich begeistert aber auch sehr erschöpft – nicht nur körperlich, sondern auch geistig von der Fülle an Informationen, die ihnen geboten wurden. Dennoch kam noch so mancher fleißige Budoka auf die Referenten zu, um weitere Fragen zu stellen und noch mehr Wissen mitzunehmen. Dass die Teilnehmenden von sich aus freiwillig auf eine Pause verzichteten, um mehr trainieren zu können, und selbst nach dem Lehrgang nicht aufhörten, technische Fragen zu stellen, empfanden die Gastgeber als ein großes Kompliment. Gestärkt mit einem warmen Abendessen traten die eifrigen Budoka ihre teilweise recht weite Heimreise an.
Leider waren beim Gruppenfoto nicht alle Teilnehmenden anwesend – wir freuen uns aber sehr, dass manche trotz Terminstress dennoch gekommen sind.

Der DFJJ NRW e.V. verpflichtet sich für das LSB Qualitätsbündnis zum Schutz gegen Gewalt.